Am kürzlichen Kurssturz an den Börsen seien gestiegene Löhne in den USA schuld. Nur die NZZ stellte die dubiose Statistik in Frage.

Gestiegene Löhne in den USA? Viele plapperns nach

Am kürzlichen Kurssturz an den Börsen seien gestiegene Löhne in den USA schuld. Nur die NZZ stellte die dubiose Statistik in Frage.

Die Löhne sind in den USA gar nicht so gestiegen wie fast überall verbreitet wurde. Aber der Reihe nach.
Es ist schon pervers genug, dass alle, die an den Börsen ihr Geld anlegen, also Spekulanten, aber auch Pensionskassen oder Lebensversicherungen, ein grosses Interesse daran haben, dass die Löhne der breiten Bevölkerung nicht steigen. Denn steigende Löhne würden die Gewinne der Unternehmen schmälern und zu Inflation führen. Diese wiederum habe steigende Zinsen zur Folge. Und steigende Zinsen sind schlecht für die Kurse der Aktien und Obligationen.
Das war Anfang Woche die häufig verbreitete Begründung dafür, weshalb die Börsen einen Einbruch erlitten.
An den Börsen werde befürchtet, dass «gewährte Lohnerhöhungen die künftigen Gewinne der Unternehmen drücken werden», meinte beispielsweise SRF-Wirtschaftsredaktor Massimo Agostinis, und für den «Blick» war am Kurssturz der «überraschende Anstieg der Löhne» die Ursache.


«Tages-Anzeiger» vom 6. Februar 2018
Auch der «Tages-Anzeiger» ortete «höhere Löhne» als eine Hauptursache des Börsensturzes: «Die Löhne stiegen im Januar auf breiter Front um 2,9 Prozent, die stärkste Zunahme seit dem Sommer 2009», berichtete Korrespondent Walter Niederberger.

NZZ stellt Schwäche der Statistik bloss

Als einzige grosse Zeitung hat die NZZ am 8. Februar klargestellt, dass es mit der «stärksten Zunahme [der Löhne] seit dem Sommer 2009» nicht weit her sein kann. Redaktor Thomas Fuster zitiert Analysten von Capital Economics, wonach der starke Lohnanstieg im Januar weitgehend einer schrägen Statistik zuzuschreiben ist.
Denn bei den monatlichen US-Lohnumfragen werden nur die Löhne von Werktätigen berücksichtigt, die im Vormonat gearbeitet haben. Weil der letzte Januar ausserordentlich kalt war, konnten 496’000 Arbeiter und Arbeiterinnen vor allem im Bausektor den ganzen Januar nicht arbeiten. Das waren 165’000 oder fünfzig Prozent mehr Nicht-Arbeitende als normalerweise im Januar. Weil diese Werktätigen in Tiefstlohn-Sektoren beim Berechnen der Durchschnittslöhne nicht berücksichtigt wurden, stiegen die Durchschnittslöhne rein statistisch entsprechend.

Dass extrem kaltes Wetter die Durchschnittslöhne statistisch künstlich in die Höhe treibt, beweist die Vergangenheit. Seit 2011 gab es nur sieben Monate mit ähnlich starken Wetter-Ausreissern. Und siehe da: In allen diesen sieben Monaten stiegen die Stundenlöhne statistisch jeweils fast doppelt so stark wie im Mehrjahresdurchschnitt von 2011-2017.
Kommentar von NZZ-Redaktor Thomas Fuster: «Passend zum bitterkalten Januar empfähle sich daher eine Abkühlung der überhitzten Gemüter. Die amerikanische Lohnstatistik zeigt nämlich, dass wetterbedingte Ausreisser meist schon im Folgemonat wieder ausgeglichen sind.»

Im März, wenn die Februar-Zahlen bekannt werden, können Spekulanten, Pensionskassen und Lebensversicherungen also wieder aufatmen.

6 Meinungen

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    am 10.Feb.2018 um 2:00 pm
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    Nachplappern der Nachdenken ist die Frage ?

    Welche Einfluß haben Lohnerhöhung auf die Wirschaft ?

    https://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard_Keynes

    "Dies bedeutet, dass Haushalte nicht ihr gesamtes Einkommen ausgeben, sondern einen Teil sparen und dass der Anteil für Konsumausgaben immer weiter sinkt, je größer das Einkommen wird. Auf dieser Konsumfunktion beruht der Multiplikator."

    Das heisst also bekommen die prekären Jobber mehr, weil sich bei uns zum Beispiel die Linken mit der deutlichen Anhebung des Mindestlohnes durchsetzten, landet das Geld sofort wieder im Wirtschaftskreislauf.
    Die Linken fordern also ( ohne das zu Wissen ? ), ein Wirtschaftsankurbelungsprogramm.
    Bekommen die «besserverdienenden» mehr, wie es die Groko will, dann kommt sehr wenig Geld im Wirtschaftskreislauf an.
    Die Wirtschaft wird also weiter abgewürgt. Es profitieren nur die Superreichen und die Exportunternehmen ( deren Eigentümer wie Blackrock usw. ), die Zielgruppe des asozialen wirtschaftsfeindlichen neoliberalen Systems."

    Zur Erinnerung, die USA hatte Milliarden Ausgaben für Sozialsysteme ( New Deal, Great Soicety ) und einen Spitzensteuersatz von über 70 % !
    Die Neuverschuldungsquote stieg mal gerade in Inflationshöhe.

    Die Reagan Regierung machte die Milliarden teuren Sozialsystem weitgend platt und senkte den Spitzensteuersatz deutlich.
    Die Neuverschuldung explodierte seit diesem Zeitpunkt !

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    am 10.Feb.2018 um 11:40 am
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    Danke Herr Wieser, Sie bringen’s auf den Punkt. Das letzte Mal, als ich verzweifelt nach alternativen Statistiken suchte, war vor der Abstimmung zur Ernährungssicherheit. Da ich mir nicht darüber klar wurde, ob ich mit einem Ja den Gentech-Multis dabei helfe, ein Versuchslabor in der Schweiz einzurichten, blieb’s bei einer Stimmenthaltung, obwohl auch ich gerne vor einem gefüllten Teller sitze.

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    am 9.Feb.2018 um 7:04 pm
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    Wir plappern’s nach, weil keine Alternativen erhältlich sind. Das ist derselbe Reflex, wie wir kommentarlos die regelmässigen SECO Zahlen abnicken, wie gut der Arbeitsmarkt für uns alle sei! In Realität suchen neben den angemeldeten Arbeitslosen noch mindestens soviel Ausgesteuerte und in Kursen oder «Beschäftigungsprogrammen» unter den statistischen Teppich gekehrte Arbeitssuchende die heilige Arbeit. Und die wird immer weniger; Roboterisierung, Digitalisierung, EU-Import und Asien-Import da billiger … Da bleibt den Politikern nur die Alternative ohnmächtig zu plappern. Den tun tun sie nichts!

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    am 9.Feb.2018 um 4:50 pm
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    Sehr guter Artikel. Es zeigt sich einmal mehr, dass die Schweizer Mainstream-Medien inkl. Fernsehen SRF ungeprüft Fake-News verbreiten und sich nicht die Mühe nehmen, Agenturmeldungen aus den USA auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Statt dessen wird nachgeplappert, was ein Börsenguru von der Wallstreet in die Welt gesetzt hat.

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    am 9.Feb.2018 um 2:00 pm
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    Schön, gibt es in der NZZ auch fundierte Beiträge. Und nicht nur derart destruktive Meinungen wie heute von Herrn Schoenenberger zum Thema SRG.

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    am 9.Feb.2018 um 11:55 am
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    Es dürfte ja wohl schon so sein, dass im Zentralbanken-finanzierten Börsencasino niemand der letzte sein will, der seinen Kursgewinn ins trockene bringt. Wenn Negativzinsen der Zentralbanken alles ausser Aktienkäufe unrentabel erscheinen lassen, sind solche nervöse Zuckungen am Markt wohl unumgänglich.

    Die lange versprochene Rückkehr zu irgendeiner Art «Normalität» dürfte noch etwas auf sich warten lassen. Kein Staat, der sich in dieser Casinomentalität verschuldet hat wird in der Lage sein, steigende Zinsen politisch unbeschadet überstehen zu können.

    Daher versucht wohl mancher, «rechtzeitig» den Kursgewinn zu sichern. Solange es aber keine alternativen Anlagemöglichkeiten gibt, wird dieses Geld wohl oder übel wieder im Aktienmarkt angelegt werden müssen.

    Die vielen «Erklärungen» der «Börsenspezialisten» bleiben pathetisch und amüsieren wohl nicht einmal die Gallerie. Immerhin können Hedge-Fonds und ander Volatilitäts-Schützer die Decke noch etwas näher an sich ziehen.

    Die Geldschöpfung weiter unverantwortlichen Zentralbanken überlassen ?

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