Der weltweite Freihandel beschleunigt die Zerstörung der Erde. Die «Alpeninitiative» zeigt an konkreten Fällen, wie das geht.

«Alpeninitiative» entlarvt Handels-Horror

Der weltweite Freihandel beschleunigt die Zerstörung der Erde. Die «Alpeninitiative» zeigt an konkreten Fällen, wie das geht.

«Aus der Region für die Region!» So lautet der zwar lokalchauvinistische – aber durchaus einleuchtende und umweltmässig löbliche Werbespruch der Migros. Konkret: Rüebli und Kopfsalat, die der Gemüsebauer im nahen Seeland anpflanzen und ernten kann, sollten eher nicht aus dem Thurgau oder gar aus Spanien in die Berner Lebensmittelläden über weite Wege herangekarrt werden. Das leuchtet jeder Erstklässlerin ein.
Der Wasser-Wahnsinn der Migros
Nun könnte die Migros natürlich sagen, auch «aus der Region Nordeuropa für die Region Zentraleuropa» habe sie mit ihrem Spruch mitgemeint. Doch da würde wohl sogar ein Kindergärtler entgegnen: «Dir spinnts äuä chlei!» Konkret geht diese «Spinnerei» so: Aus Norwegen importiert die Migros per Schiff und Camion simples Trinkwasser in schweren Glasflaschen 1500 Kilometer weit ins «Wasserland» Schweiz. Dabei hätten wir das «kühle Nass» hierzulande doch wörtlich «im Überfluss»: Wir «verbrauchen» keine 10 Prozent des weitgehend sauberen Wassers aus unseren Alpen, das durch Aare, Rhein oder Rhone weiter dem Meer zufliesst. Vor allem aber: Der völlig unnötige Freihandels-Unfug der Migros mit ihrem norwegischen Import-Wasser der Marke «Voss» (nachgewogen: 380 Gramm Wasser in 291 Gramm Glas, womit die Verpackung nur um einen Viertel leichter ist als der Inhalt) verursacht «einen CO2-Fussabrduck, der 7180 Mal grösser ist, als jener unseres Leitungswassers». Das hat die «Alpeninitiative» soeben berechnet und auf ihrer Webseite publiziert.

Nominiert für den «unsinnigsten Transport 2019»: Norwegisches Wasser in schweren Glasflaschen aus der Migros. (Bild: Niklaus Ramseyer)
Um wievielmal «besser» oder «gesünder» norwegisches Glasflaschenwasser sein könnte als Hahnenwasser in Berner oder Zürcher Haushalten, steht nicht fest. Der TV-«Kassensturz» könnte ja einmal Wasserfachleute zur Blind-Degustation einladen.
[Red. Der Mediensprecher von Migros, Tristan Cerf, meinte, dass mehr als 60 Prozent des von der Migros angebotenen Wassers aus heimischen Quellen stamme. Zudem habe «der Transport einen minimalen Einfluss auf die ökologische Bilanz». Letzteres bestreitet die Alpeninitiative.]
Aldis «Prosciuto Cotto» aus Holland und Österreich
Wo aber die Migros ihren eigenen Werbespruch ad absurdum führt, mag in punkto Transport-Unfug auch Aldi nicht zurückstehen. Dabei schummelt Aldi auch noch: Mit der Bezeichnung «Gusto Italiano: Prosciutto Cotto», dreht er seiner Kundschaft gekochten Schinken an. «Italiano» ist daran allerdings wenig: Der Schinken stammt von Schweinen, die in Holland gemästet und geschlachtet wurden. In Kühllastwagen wird das Fleisch nach Italien transportiert, wo es verarbeitet (und mit «Gusto» angereichert?) wird. Von Italien reisen die Schinken («made in Holland» und «gustiert» in Italien) nach Österreich weiter, um dort geschnitten und verpackt zu werden. Erst nach dieser Rundreise über ganze 1700 Kilometer kommt der «Prosciutto» in die Aldi-Filialen. Die Alpeninitiative attestiert ihm «eine 9 Mal höhere CO2-Bilanz als einheimischem Schinken».
Export-Luft aus der Dose
Dümmer geht nimmer? – Doch, es geht! Und zwar so: «Schweizer Bergluft» wird in Spraydosen als «Swiss Air Deluxe» in Grossstädten Südostasiens verkauft. Nach dem Transport über fast 20’000 Kilometer. Auch hier wäre eine Blind-Degustation (diesmal mit Lufthygienikern) dringend angesagt.
Diese drei Produkte haben es in die Endrunde der Wahl zum «unsinnigsten Transport 2019» geschafft. Bis zum 15. September kann die Öffentlichkeit hier abstimmen und entscheiden, welche der drei Iditotien den «Teufelsstein» 2019 erhalten soll.
Es geht auch anders
Gleichzeitig würdigt die Alpeninitiative aber auch drei positive Beispiele, die das Migros-Kriterium «aus der Region für die Region» ehrlich erfüllen:

  • Ein «wirklich regionales Bier» aus Satigny am Genfersee.
  • «Repair Café» – ein Reparaturservice der Konsumentenschutz-Organisationen, der dem Prinzip folgt: «Reparieren, statt investieren und neu produzieren!»
  • Eine Fischzucht, die warmes und sauberes Wasser aus dem Gotthard-Basistunnel für ihre Produktion nutzt.

Eine dieser drei lokal verankerten Firmen wird mit dem «Bergkristall 2019» ausgezeichnet.

3 Meinungen

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    am 21.Aug.2019 um 1:42 pm
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    Danke Herr Ramseyer. Nun warte ich gespannt auf die Stellungnahme von Migros im infosperber. Zum Glück gibt es in der Schweiz noch Dörfer wo es keinen Migros gibt, die beste Garantie für lokale Produkte.

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    am 21.Aug.2019 um 1:20 pm
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    Es gibt auch eine Fischzucht (für Störe und Kaviar – in dieser Fischzucht werden die Weibchen für den Kaviar nicht getötet, nur die Fische, die für den Verzehr gezüchtet werden) in Frutigen, die mit dem zu warmen Wasser aus dem Lötschberg ihre Fischzucht und das Tropenhaus unterhält.

    Es liegt an uns Kunden, an solchen Angeboten einfach vorbeizugehen. Beim Schinken aus überall, nur nicht aus Italien kommt noch dazu, dass er natürlich Aldi-mässig ’sau’billig sein muss…

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