Die ezetimib-haltigen Ezetrol, Atozet und andern Ezetimib-Generika haben keinen Zusatznutzen – ausser Milliarden für Pharmafirmen.

BAG: Hunderte Millionen für Cholesterinsenker verschleudert

Die ezetimib-haltigen Ezetrol, Atozet und andern Ezetimib-Generika haben keinen Zusatznutzen – ausser Milliarden für Pharmafirmen.

«Millionen für Flop-Arzneien» titelte der Beobachter schon vor acht Jahren; fünf Jahre später berichtete Infosperber «Die teuren Cholesterin-Senker Ezetrol und Inegy bescherten dem Pharmakonzern MSD Milliarden, ohne einen Todesfall zu verhindern.» Ende Januar 2019 titelte «Saldo» «Prämiengelder für nutzlose Cholesterinsenker».
Doch das Bundesamt für Gesundheit BAG verdonnert die Krankenkassen bis heute dazu, ezetimib-haltige Arzneimittel den Pharmafirmen zu vergüten. Seit das Patent abgelaufen ist, beteiligen sich auch die Generika-Hersteller Sandoz (Novartis), Mepha Pharma, Spirig HealthCare und Helvepharm am Geschäft. Die Schweizer Krankenkassen haben schon mehrere hundert Millionen Franken für diesen unzweckmässigen Cholesterinsenker ausgegeben.

Auf grosse Versprechen…

Anders als die Medikamentengruppe der Statine senkt der Wirkstoff Ezetimib den Cholesterinspiegel nicht über die Leber, sondern über den Verdauungstrakt. Es schont deshalb die Leber. Und Ezetimib senkt den Cholesterinspiegel erst noch stärker. Wegen dieser Vorteile hatte das BAG die Ezetimib-Präparate in die Kassenpflicht aufgenommen und einen Verkaufspreis bewilligt, der ursprünglich 2,5-mal so hoch war wie die gängige Behandlung mit Statinen. Die Pharmafirmen Merck und Schering erzielten mit Ezetimib weltweit Jahresumsätze von über sechs Milliarden Franken.

…folgte die Ernüchterung
Auf politischen Druck in den USA hin mussten Merck und Schering im Jahr 2008 ihre eigene Studie «Enhance» veröffentlichen. Die ernüchternden Resultate waren den Firmen laut «New York Times» schon zwei Jahre vorher bekannt: Obwohl Ezetimib-Präparate den Cholesterinwert tatsächlich stärker senken als Statine allein, verhindern sie die Arterienverkalkung nicht.
Diese Ergebnisse seien «schockierend», befand Chefkardiologe Steven E. Nissen von der Herzklinik in Cleveland. Ablagerungen in den Arterien sind für das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen entscheidender als der Cholesterinspiegel.
Herzspezialist Harlan M. Krumholz, Professor an der Yale-Universität, kam zum Schluss: «Mit dem heutigen Wissen ist das Verschreiben von Ezetrol anstelle von Stati­nen ein Arztfehler.» Das unabhängige deut­sche «Arznei-Telegramm» rief dazu auf, «den überteuerten Cholesterinsenker nicht zu verordnen und einzunehmen». Doch das Schweizer Bundesamt für Gesundheit stufte Ezetimib-Präparate weiter als zweckmässig und wirtschaftlich ein.

Es kam noch dicker

2009 veröffentlichte das «New England Journal of Medicine» eine Studie mit einem noch bedenklicheren Resultat. Wer zusätzlich zu einem Statin noch Ezetimib nahm, starb häufiger an Herzkreislaufkrankheiten, als wer Statine mit Vitamin B3 einnahm. Deshalb wurde die Studie vorzeitig abgebrochen. Die Zugabe von Vitamin B3 senkte die Ablagerungen in den Halsschlagadern signifikant, während die Zugabe von Ezetimib diese kaum beeinflusste. Die Pharmafirmen Merck und Schering warnten darauf auf ihrer eigenen Homepage in fetten Buchstaben: «Im Gegensatz zu einigen Statinen gibt es bei Ezetrol keinen Beweis, dass es Herzkrankheiten oder Herzinfarkten vorbeugen kann.»

Eine weitere von MDS-Merck organisierte und finanzierte Studie mit dem Namen «Improve-it» zeigte im Jahr 2015 einen vernachlässigbaren Nutzen. Ein Vergleich von PatientInnen, die lediglich das Statin Simvastatin erhielten, mit PatientInnen, welche zusätzlich Ezetimib einnahmen ergab Folgendes: In beiden Gruppen kam es zu gleich vielen Todesfällen infolge Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Fast alle PatientInnen hatten früher mindestens eine Katheteruntersuchung hinter sich.

Der einzige minimale Nutzen: Wenn 50 PatientInnen zusätzlich zu einem Statin Ezetimib einnahmen, konnte damit nach sieben Jahren bei einem einzigen von ihnen ein symptomatisches Herz-Kreislauf-Problem verhindert werden.
Oder anders ausgedrückt: 49 Patienten nehmen sieben Jahre lang umsonst jeden Tag eine Tablette, was insgesamt 200’000 Franken kostet, um einen einzigen Herzinfarkt oder Hirnschlag des 50. Patienten zu verhindern. Trotzdem aber lebt auch dieser Patient nicht länger, sondern stirbt an anderen Ursachen – vielleicht mitverursacht durch die langjährige Einnahme von Ezetimib.
Wahrscheinlich würde mit einer erhöhten Statin-Dosis der gleiche Effekt erreicht.

Laut einem Editorial des «New England Journal of Medicine», das die MSD-Studie veröffentlichte, zeigt die «Improve-it»-Studie, dass der Wirkstoff Ezetimib «keinen besonderen Nutzen» aufweist («should not be interpreted as showing anything uniquely beneficial»).

Ezetimib ist nur viel teurer als Statine mit dem gleichen Nutzen.
BAG handelte nicht

Aus allen diesen Gründen hätte das Bundesamt für Gesundheit BAG die Kassenpflicht wenigstens einschränken müssen für die relativ wenigen PatientInnen, welche Statine nicht vertragen, oder bei denen Statine auch bei höheren Dosen den Cholesterinspiegel nicht genügend senken.

Alle andern Erwachsenen können ihren Cholesterinspiegel mit günstigen Statinen ebenso senken wie mit den teuren Ezetrol oder dessen Generika. Es genüge, die Statin-Dosis zu erhöhen, erklärte Robert Giugliano, Professor an der Harvard Medical School, der die «Improve-It»-Studie vor der US-Herzgesellschaft präsentiert hatte.

Doch das BAG unterliess es bis heute, die Kassenpflicht für Ezetrol und Inegy strikt zu beschränken. Schon vor Jahren meinte eine BAG-Sprecherin, das BAG überlasse es «dem Ermessensspielraum der Ärzte», ob sie Ezetimib verschreiben wollen.
Wenn jedoch die Ärzte über die gesetzliche Zweckmässigkeit von Medikamenten entscheiden können, braucht es das BAG nicht mehr, um die Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit von Medikamenten zu prüfen. Dann kann man gleich sämtliche von der Swissmedic zugelassenen Medikamente automatisch kassenpflichtig machen und den Rest den Ärztinnen und Ärzten überlassen.

Zum Infosperber-Dossier:

Gesundheitskosten

Jeden achten Franken geben wir für Gesundheit aus – mit Steuern und Prämien. Der Nutzen ist häufig zweifelhaft.

Eine Meinung zu

  • Avatar
    am 26.Feb.2019 um 3:54 pm
    Permalink

    Wenn man bedenkt, dass verschiedene Länder verschiedene Schwellenwerte für Cholesterin angeben, kommt man zur Erkenntnis, dass das Ganze in den meisten Fällen ein Schwindel ist und nur die Kassen der Pharma füllt.
    Wie lange spielen wir da noch mit?

    0

Deine Meinung ist gefragt!