Das grosse Geschäft mit Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten

Pharmakonzerne brauchen den Nutzen nur rudimentär zu belegen. Auswüchse und Missbräuche muss der Gesetzgeber verhindern.

Red. Max Giger ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Gastroenterologie. Er war Präsident der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK und des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung. Im Zentralvorstand der FMH leitete er das Ressort Heilmittel.

Seit 2011 müssen Krankenkassen die Kosten von Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten übernehmen, auch wenn diese weder von der Swissmedic dafür zugelassen noch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in die offizielle Liste der kassenpflichtigen Arzneimittel aufgenommen wurden. Seither stiegen Gesuche zur Kostenübernahme solcher Arzneimittel ausserhalb der Zulassung und der Leistungspflicht rasant in die Höhe.

In der Schweiz werden Arzneimittel mit der zugehörigen Fachinformation von Swissmedic registriert. Auf Verlangen der verantwortlichen Pharmafirma werden sie nach Prüfung von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW) durch das BAG in die Spezialitätenliste (SL) aufgenommen. Das BAG setzt den Höchstpreis fest, der durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) übernommen werden muss. Zusätzlich kann es den Einsatz dieser Arzneimittel gegenüber der Fachinformation einschränken (Limitatio). Die von den Pharmafirmen geforderten Preise strapazieren das Sozialversicherungssystem in zunehmendem Ausmass. Die Festsetzung der Preise wird immer schwieriger, und die Aufnahme von Arzneimitteln in die SL dauert länger.

Was ist Off-Label-Use?

In Einzelfällen werden Arzneimittel in Absprache mit den Patienten ausserhalb der üblichen Vorschriften eingesetzt, was vereinfacht mit «Off-Label-Use» bezeichnet wird. Die Kostenübernahme dieser Arzneimittel durch die OKP wird in den Art. 71a–71d KVV geregelt. Von «Off-Label-Use» spricht man bei neuen, von Swissmedic nicht registrierten oder auf der SL nicht gelisteten Arzneimitteln sowie bei neuen, nicht registrierten bzw. gelisteten Anwendungen (ausserhalb der Fachinformation oder Limitatio) bereits registrierter Arzneimittel. Die Kostenübernahme erfolgt bei Krankheiten mit möglichem tödlichem Verlauf oder möglicher Entwicklung schwerer und chronischer gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Allerdings nur dann, wenn andere wirksame und zumutbare Therapiemethoden fehlen. Zudem setzt eine Kostenübernahme voraus, dass der durch den Einsatz dieser Arzneimittel zu erwartende therapeutische Nutzen für die Betroffenen gross ist. Die Verordnung führt nicht weiter aus, wann eine Therapiemethode, namentlich ein auf der SL gelistetes Arzneimittel, therapeutisch nicht mehr zumutbar ist.

Entstehung und Besonderheiten

Die Art. 71a–71b KVV wurden 2011 als Folge eines Leitentscheids des Bundesgerichts betreffend Kostenerstattung eines Arzneimittels zur Behandlung einer seltenen Muskelerkrankung in Kraft gesetzt. Dadurch soll die zeitnahe Behandlung seltener Krankheiten mit neuen wirksamen Arzneimitteln ermöglicht werden. Dies aus der Erkenntnis, dass die Entwicklung neuer Arzneimittel, deren Registrierung durch Swissmedic und deren Aufnahme in die SL oft ein langwieriger Prozess ist. Die Durchführung klinischer Studien mit kleinen und kleinsten Patientenkollektiven ist schwierig. Deshalb werden an den Nachweis der Wirksamkeit im Vergleich zu häufig angewandten Arzneimitteln andere, in der Regel geringere Anforderungen gestellt. Arzneimittel zur Behandlung seltener Krankheiten kann Swissmedic seit Januar 2019 in einem vereinfachten Verfahren mit Auflagen zur Nachlieferung von Studienresultaten befristet zulassen. Dies hat zur Folge, dass viele neue Arzneimittel oder Indikationen vor allem gegen bösartige Erkrankungen trotz noch unvollständiger Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit im «Off-Label-Use» eingesetzt werden können.

Seltene Krankheiten

Eine Krankheit gilt in der Schweiz als «seltene Krankheit» (Orphan Disease), wenn höchstens 5 von 10’000 Personen davon betroffen sind. Arzneimittel zu deren Behandlung werden als «Orphan Drugs» bezeichnet. Die Definition «seltene Krankheit» stammt aus einer Zeit, als die Aufschlüsselung des menschlichen Genoms in weiter Ferne lag. Sie umfasst vor allem Erbkrankheiten, die meistens in frühen Lebensphasen auftreten, sowie wenige bösartige Tumoren, die bei Säuglingen und Kleinkindern auftreten. Durch die rasante Entwicklung der Genetik können heute grössere Krankheitsentitäten in kleine und kleinste Untereinheiten aufgeteilt werden und erhalten so den Status einer Orphan Disease. Vor allem bösartige Tumoren und Blutkrankheiten, z.B. Lungenkrebs oder Leukämien, werden gegenwärtig in kleinste Untereinheiten aufgeteilt. Gegen diese Krankheits-Untereinheiten werden gezielt wirksame Arzneimittel («Targeted Drugs») entwickelt. In Zukunft werden auch nicht bösartige Krankheiten aufgrund genetischer und epigenetischer Eigenschaften in kleinste Untereinheiten aufgeteilt. Die Medizin wird dadurch «orphanisiert».

Fehlanreize und Auswirkungen

Neue Arzneimittel oder Anwendungen könnten bei moderateren Preisforderungen der Gesuchstellerinnen innert nützlicher Frist über den normalen, durch das Krankenversicherungsgesetz (KVG) vorgegebenen Weg in die SL aufgenommen und somit allen Versicherten zu denselben Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Leider scheint dieses Vorgehen für viele Pharmafirmen zu aufwendig, zu beschwerlich und zu langwierig zu sein. Über die Art. 71a–71d KVV können sie mit geringeren Auflagen innert kürzerer Zeit den maximalen, meist international angestrebten Arzneimittelpreis durch geheime bzw. intransparente Vereinbarungen mit den Krankenversicherern erhalten. Bei grösseren Widerständen von Seiten der Versicherer werden Betroffenen-Gruppierungen, nötigenfalls sogar Parlamentarier, instrumentalisiert, wie beispielsweise 2018 im Falle eines sogenannt innovativen Arzneimittels gegen zystische Fibrose. Pharmafirmen und Krankenversicherer beschäftigen für diesen intransparenten Handel viel Personal; ein Handel, der nicht unbedingt zum direkten Patientenwohl beiträgt.
Über die Art. 71a–71d KVV werden seit Inkrafttreten im Februar 2011 in zunehmendem Ausmass Gesuche zur Kostenübernahme neuer hochpreisiger Arzneimittel gestellt. 2017 wurden rund 44’000 Gesuche, drei Viertel davon für Anwendungen von Arzneimitteln der SL ausserhalb der FACHINFORMATION oder der SL-Limitierung, eingereicht. Die Gesamtsumme der durch die Krankenversicherer übernommenen Kosten liegt zwischen 250 und 300 Millionen Franken, 80 Prozent davon für die Behandlung bösartiger Tumoren und Blutkrankheiten. Die vom Gesetzgeber erwünschte unkomplizierte «Vergütung von Arzneimitteln im Einzelfall» wurde für die Onkologie infolge Orphanisierung der Erkrankungen quasi zum Regelfall.

Nutzenbeurteilung der Vertrauensärzte

Im Gegensatz zum regulären Aufnahmeprozedere der SL wird der Nutzen der Arzneimittel, die über die Art. 71a–71d KVV vergütet werden sollen, durch die Vertrauensärzte des Krankenversicherers beurteilt. Zur Nutzenbeurteilung wenden sie Hilfsmittel («Off-Label-Use»-Tools) der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte an. Nach der Ermittlung des potenziellen Nutzens aufgrund der von Fachpersonen begutachteten («Peer Review») publizierten bzw. öffentlich zugängigen Ergebnisse klinischer Studien gibt der Vertrauensarzt, unter Berücksichtigung der klinischen und psychosozialen Situation des Betroffenen, dem Versicherer seine Empfehlung zur Kostenübernahme ab. Durch den Einsatz der «Off-Label-Use»-Tools kann eine weitgehende Vereinheitlichung der Beurteilung der Gesuche erreicht werden. Eine vollständige Vereinheitlichung ist ausgeschlossen, da es sich immer um die Beurteilung eines Einzelfalls handelt und nie zwei Fälle deckungsgleich sind. Leider werden von den behandelnden Ärzten oft Gesuche mit ungenügenden Angaben oder – entgegen den gesetzlichen Vorschriften – erst nach Anwendung des neuen Arzneimittels gestellt.
Die Arzneimittel werden in vier Nutzenkategorien eingeteilt: Kategorie A entspricht einem hohen Nutzen, Kategorie B einem mässigen und Kategorie D einem geringen bis fehlenden Nutzen. Dazwischen liegt Kategorie C («Nach Therapieversuch mit Ansprechen im Einzelfall ist ein grosser Nutzen zu erwarten»). Eine Anerkennung der Wirksamkeit, die einzig auf der im Einzelfall festgestellten Wirkung beruht, lehnt das Bundesgericht ab. Dieses gibt zu bedenken, dass eine Besserung auch spontan oder aus anderen Gründen eintreten kann. Die Nutzenbeurteilung mittels «Off-Label-Use»-Tools erfolgt somit nicht ganz im Sinne des KVG, das für alle Leistungen eine Beurteilung der Wirksamkeit im Voraus und nicht im Nachhinein fordert. Die Kriterien zur Beurteilung der Studiendaten dürften strenger formuliert werden: Einzig vollständig zugängliche publizierte Studien sollten berücksichtigt und Surrogate ausgeschlossen werden.

Steigende Anzahl Gesuche: Lösungen?

Die hohe Anzahl Gesuche wegen «Off-Label-Use» von SL-Arzneimitteln lässt aufhorchen. Sind so viele SL-Arzneimittel nicht mehr genügend wirksam, oder entspricht die FACHINFORMATION nicht mehr den aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Kenntnissen? Warum wurden neue Indikationen nicht durch Swissmedic registriert? Wie gross muss der zu erwartende therapeutische Nutzen eines neuen Arzneimittels sein, dass ein SL-Arzneimittel nicht mehr als therapeutisch zumutbare Alternative zu betrachten ist und durch dieses ersetzt werden darf? Da besteht viel Raum für Interpretation.

Mögliche Forderungen

  • Ein neues Arzneimittel soll bei über 60 Prozent der Betroffenen eine therapeutische klinische Wirkung (z.B. Schmerzminderung, Verlängerung des Überlebens) zeigen und die therapeutische Wirkung des zu ersetzenden SL-Arzneimittels um 100 Prozent übertreffen, da für «Off-Label-Use» im Hinblick auf Gleichbehandlung und Verteilungsgerechtigkeit möglichst ähnliche Massstäbe angelegt werden sollen wie bei der SL-Aufnahme.
  • Neue Arzneimittel oder Indikationen im «Off-Label-Use» sollen höchstens während zwölf Monaten von der OKP übernommen werden, da innerhalb dieses Zeitraums eine reguläre Aufnahme in die SL erfolgen kann. Sollten sich BAG und Pharmafirma innerhalb dieses Zeitraums nicht auf einen Preis einigen, ist das Arzneimittel wegen Nichterfüllens der WZW-Kriterien nicht mehr als Pflichtleistung einzustufen.
  • Neue Arzneimittel im «Off-Label-Use» sollen erst nach Beurteilung des zu erwartenden hohen klinischen Nutzens bzw. Mehrnutzens durch ein unabhängiges Expertengremium mittels strenger medizinisch-wissenschaftlicher Kriterien von der OKP zu einem einheitlichen transparenten Preis, der die Prinzipien des Schweizer Sozialversicherungssystems und der Verteilungsgerechtigkeit berücksichtigt, übernommen werden.
  • Zur Sicherung der qualitativ hochstehenden und effizienten Gesundheitsversorgung sollen die Betroffenen der vollständigen prospektiven Erfassung relevanter klinischer Daten nach Prinzipien der Good Clinical Practice während mindestens 36 Monaten bzw. bis zum allfälligen Ableben zustimmen müssen, damit die OKP die Kosten des Arzneimittels übernimmt. Die Kosten der Datenerhebung und Auswertung werden durch das BAG getragen. Die Daten werden in aggregierter und anonymisierter Form durch eine unabhängige wissenschaftliche Institution ausgewertet und spätestens nach fünf Jahren gelöscht.

Fazit
Neue Arzneimittel werden in zunehmendem Umfang aus privatwirtschaftlichen Motiven über die für Einzelfälle geschaffenen Art. 71a–71d KVV zu Lasten der OKP verrechnet. Transparenz, Sozialverträglichkeit und Verteilungsgerechtigkeit lassen zu wünschen übrig. Der Gesetzgeber sollte dringend eine einheitliche, volkswirtschaftlich vertretbare Lösung zur raschen Verfügbarkeit neuer Arzneimittel, von denen ein hoher Patientennutzen zu erwarten ist, schaffen.
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Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift «im dialog» der CSS Versicherung.
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Zum Infosperber-Dossier:

Die Politik der Pharmakonzerne

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

Gesundheitskosten

Jeden achten Franken geben wir für Gesundheit aus – mit Steuern und Prämien. Der Nutzen ist häufig zweifelhaft.

2 Meinungen

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    am 4.Nov.2019 um 2:16 pm
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    Auf der anderen Seite

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=54796#h09

    "9. Pharmakonzerne steigen aus Antibiotika-Entwicklung aus

    Medienberichten zufolge seien Antibiotika im Vergleich zu anderen Medikamenten nicht lukrativ genug. Zahlreiche Konzerne stellen deswegen ihre Forschungen ein.
    Immer mehr Pharmahersteller ziehen sich nach Informationen des NDR aus der Erforschung neuer Antibiotika zurück. Fast die Hälfte der etwa 100 Firmen, die 2016 eine gemeinsame Erklärung über mehr Anstrengungen im Kampf gegen Resistenzen vereinbart hatten, sei in dem Bereich nicht mehr aktiv, berichtet der Fernsehsender am Donnerstag in der Sendung „Panorama“ im Ersten (21.15 Uhr). Der Internationale Pharmaverband (IFPMA) hatte damals eine Industrieallianz gegründet. Neue Antibiotika werden benötigt, weil Bakterien zunehmen gegen ältere resistent werden. Grund für den Rückzug der Unternehmen sind laut NDR die geringeren Verdienstmöglichkeiten im Vergleich zu Medikamenten gegen Krebs und chronische Erkrankungen. Sie werden nur wenigen Tage eingenommen. Zudem sollten neue Mittel nur im Notfall eingesetzt werden, wenn alle herkömmlichen Antibiotika nicht mehr anschlagen.
    Quelle: Handelsblatt"

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    am 4.Nov.2019 um 1:43 pm
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    Seit die SL eine «Positiv-Liste» ist (KVG 1995), ist sie manipulieranfällig geworden.

    Die Generikaregelung in Art. 52 KVG war zwar ursprünlich zur Förderung günstiger Alternativen konzipiert, wurde aber implizit zur Zementierung von Monopolprofiten bei «Originalmedikamenten» umfunktioniert.

    Art. 71 KVV war gemacht, um Exzesse einer restriktiven Interpretation der SL als exklusive Vergütungsliste einzuschränken, hat sich aber offenbar als trojanisches Pferd «geouted».

    Art. 70 KVV sollte das «Verhinderungsmonopol» der Pharma relativieren, indem Arzneimittel auch ohne Antrag der Industrie zur Vergütung vorgeschlagen werden konnten. Dieser Artikel wurde noch nie angewendet.

    Die Bundesjustiz hat bis anhin, m.E. regelmässig die «legitimen Ansprüche der Anbieter» geschützt, aber weder die legitimen Ansprüche der Konsumenten noch die akademisch begründeten Vorschläge für eine therapiegerechte Ordnung der Medikamentenversorgung honoriert.

    Meine Schlussfolgerungen von 2006/07, dass in der Gesundheitspolitik der Schweiz v.a. die Gesundheit der Anbieter im Zentrum steht ("ménager la chèvre et le choux") gilt wohl auch heute noch.

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