Opioide: So manipulierte Pharmakonzern die öffentliche Meinung

Der Schmerzmittelhersteller Purdue finanzierte Ärzte, Patientenorganisation und «Think Tanks». Viele Medien fielen darauf herein.

In den letzten zehn Jahren starben in den USA, je nach Quelle, zwischen 200’000 und 400‘000 Menschen an Überdosen von abhängig machenden opioidhaltigen Schmerzmitteln. Die Opfer gehören mehrheitlich zur Arbeiterschicht. Dieses nationale Drama wurde nicht viel früher gestoppt, weil der US-Pharmakonzern Purdue die öffentliche Meinung aufs Gröbste manipulierte – mit ähnlichen Methoden wie früher die Tabakkonzerne oder die Asbestlobby. Die unabhängige Recherche-Plattform ProPublica hat dies bereits am 19. November aufgedeckt. Doch über diese Machenschaften haben grosse Medien in der Schweiz bisher nicht informiert.

Angefangen hatte alles im Jahr 1996, als die US-Pharmafirma Purdue Pharma das auch in der Schweiz zugelassene Schmerzmittel OxyContin auf den Markt brachte. Das Opioid, welches doppelt so stark wirkt wie Morphium, entwickelte sich schon bald zu einem Verkaufsschlager. Aber es brachte Purdue nicht nur riesige Gewinne ein. Bereits ab 2001 wuchs auch die Besorgnis über Abhängigkeiten und tödliche Überdosen. Es zeigte sich, dass Schmerzpatienten, die OxyContin und ähnliche Schmerzmittel verschrieben bekamen, von den Medikamenten schnell abhängig wurden. Die US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention warnte davor, dass jeder, der verschreibungspflichtige Opioide einnimmt, süchtig werden kann und, dass fast jeder Vierte mit einer Abhängigkeit zu kämpfen hat.
Als die Missbrauchsfälle zunahmen und Staatsanwälte vermehrt wegen der Verschreibung massiver Mengen des Schmerzmittels Strafanzeige gegen Ärzte erhoben, sah Purdue die künftigen Absätze seines Verkaufsschlagers bedroht. Und so startete das Familienunternehmen, im Besitz der Familie Sackler, ab 2001 mit Hilfe der Krisenmanagementfirma Dezenhall Resources eine Gegenkampagne. Dezenhall hatte in der Vergangenheit bereits Kunden wie Exxon Mobil gegen die Kritik von Umweltschützern verteidigt und wurde auch schon mal als „The Pitbull of Public Relations“ bezeichnet. Ziel war es, Kritiker einzuschüchtern, zu diskreditieren und lächerlich zu machen. Mit dieser Strategie verhinderte Dezenhall, dass kritische Artikel oder Fernsehdokumentationen über OxyContin veröffentlicht wurden. Sie sorgte stattdessen für Talkshows und Berichterstattungen über sympathische Schmerzpatienten, die auf das Medikament angewiesen sind – ein wirksames Mittel, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Gekaufte Medien

Den Anfang machte eine Kolumne im Meinungsteil der New York Post, die OxyContin-Abhängige als Junkies verspottete und chronische Schmerzpatienten als die wahren Opfer bezeichnete, sollten sie den Zugang zu dem Wundermittel verlieren. Die PR-Firma Dezenhall verstand es, Artikel in wichtigen Zeitungen zu platzieren und glaubwürdige Experten für ihre Zwecke zu gewinnen. Eine der Fachleute im Dienste von Purdue war Sally Satel, eine kompetente Professorin für Psychiatrie mit Erfahrung im Methadonprogramm und damit eine Referenz für Opioide, Sucht- und Schmerzbehandlung. Ihre Artikel wurden in seriösen Publikationen wie The Wall Street Journal, USA Today, The Atlantic, Slate, Health Affairs, Forbes und Politico veröffentlicht. Sie erschien häufig in Panels, Fernsehsendungen und Zeitungsartikeln als Expertin für die Opioidkrise und regulatorische Massnahmen.

Im Oktober 2004 schaffte es Satels Essay mit der Überschrift «Doctors Behind Bars: Treating Pain is Now Risky Business» auf die erste Seite des Gesundheitsteils der New York Times. Die Autorin argumentierte, dass die Strafverfolgung übereifrig sei und dass einige Patienten hohe Dosen von Opioiden benötigten, um ihre Schmerzen zu lindern. Sie schrieb über einen nicht mit Namen genannten Kollegen, der im Schmerzdienst eines Universitätsklinikums einen Patienten hatte, der nur aufstehen konnte, wenn er regelmässig Oxycodon – den Wirkstoff von OxyContin – einnahm.
Sie zitierte zudem eine in einer Fachzeitschrift veröffentlichte Studie, die zeigte, dass in Obduktionen von oxycodinbedingten Todesfällen selten nur OxyContin allein nachgewiesen wurde. So beschreibt Satel in ihrem Artikel, dass die meisten Drogenabhängigen vor OxyContin bereits andere Medikamente und Drogen missbraucht hatten, wie z.B. Pillen, Alkohol, Heroin oder Kokain. «Im Gegensatz zu medialen Darstellungen beginnt der typische OxyContin-Süchtige nicht als Schmerzpatient, der unwissentlich in eine Drogenabhängigkeit verfällt», schrieb sie.
The Times stellte Satel als Wissenschaftlerin am American Enterprise Institute AEI und als unbezahltes Beiratsmitglied der Behörde vor, die sich mit Drogenmissbrauch und psychischer Gesundheit befasst. Die Leser wurden jedoch nicht darüber informiert, dass Purdue dem AEI seit 2003 jährlich 50’000 Dollar spendete und auch für besondere Veranstaltungen Beiträge von insgesamt mehr als 800’000 Dollar zahlte. Aus E-Mails und Dokumenten im Besitz von ProPublica geht hervor, dass dies nicht die einzigen Verflechtungen waren. Aus einem unveröffentlichten Entwurf des Artikels geht hervor, dass der ungenannte Arzt in Satels Artikel ein Mitarbeiter von Purdue war und dass die von Satel zitierte Studie von Purdue finanziert und von Purdue-Mitarbeitern und -Beratern geschrieben wurde.

Purdues Verflechtungen mit Satel und AEI veranschaulichen, wie das Unternehmen und seine PR-Berater der Kritik, dass sein Schmerzmittel zur Entstehung der Opioid-Epidemie beigetragen habe, aggressiv entgegentraten. Satel hatte sich in den letzten Jahrzehnten in Radio- und Fernsehauftritten sowie Zeitungsartikeln gegen Beschränkungen der Opioidverschreibung ausgesprochen, ohne Verbindungen zu Purdue offen zu legen. Im gleichen Zeitraum wurde Purdue von Dezenhall vertreten, die aggressiv Unternehmen verteidigt, welche wegen ihrer Produkte unter Beschuss kommen.

«Think Tanks» als Lobby-Organisationen
Purdue finanzierte zudem Think Tanks, deren Experten von Medien häufig befragt wurden. Dadurch wurde die Veröffentlichung wohlwollender Artikel in führenden Medien gefördert und eine kritische Berichterstattung erschwert.
Diese Bemühungen, die öffentliche Wahrnehmung der Opioidkrise zu beeinflussen, geben einen Einblick in die Art und Weise, wie Konzerne es schaffen, die Kritik an angeblichen Fehlverhalten ins Leere laufen zu lassen. Die Taktiken von Purdue wecken Erinnerungen an die der Öl- und Gasindustrie, der vorgeworfen wird, irreführende Wissenschaften zu fördern, die Auswirkungen auf den Klimawandel herunterspielen und an Tabakkonzerne, die versuchten Beweise zu unterschlagen, welche zeigten, dass Nikotin süchtig macht und Passivrauch gefährlich ist. Und sie erinnern auch an die Asbestlobby, welche ebenfalls Universitätsprofessoren und «Think Tanks» bezahlte, um die Risiken tödlicher Krebserkrankungen herunterzuspielen.

Ärzte und «Patientenorganisation» liessen sich bezahlen

Diese Einflussnahme auf die Medien war nur ein Teil von Purdues Abwehrstrategie. Vor Gericht wehrte sie sich gegen Hunderte von Klagen und erreichte es, dass belastende Dokumente geheim blieben. Das Unternehmen bezahlte führende Schmerzärzte, damit diese weiterhin OxyContin verschrieben. Und es finanzierte «Patientenorganisationen» wie die American Pain Foundation, welche die Risiken einer Sucht herunterspielen und den Einsatz von Opioiden bei chronischen Schmerzen nicht einschränken wollen. Die Foundation erhielt im Jahr 2010 neunzig Prozent ihres Budgets in Höhe von fünf Millionen Dollar von Pharmafirmen und Herstellern von Medizinalprodukten (siehe ProPublica vom 8. Mai 2012: «American Pain Foundation Shuts Down as Senators Launch Investigation of Prescription Narcotics»).

Nachdem Purdue und Dezenhall ihre «Anti-Kampagne» gestartet hatten, ging die Zahl der Medienberichte über die OxyContin-Sucht und -Missbräuche während mehrerer Jahre zurück. Im Jahr 2001 wurden 1’204 Artikel veröffentlicht, in denen die Wörter „OxyContin“, „Missbrauch“ und „Purdue“ auftauchten, und die in der Nexis-Datenbank archiviert sind. Die Zahl sank im Jahr 2002 auf 361 und im Jahr 2006 auf nur noch 150.

Die Kampagne von Purdue hat dazu beigetragen, eine strengere Regulierung der Opioidverschreibung zu verzögern. Purdue bekannte sich erst 2007 schuldig, das Risiko der Sucht «unterschätzt» zu haben und verpflichtete sich, 600 Millionen Dollar an Strafen zu zahlen.

«Bemühungen, die Epidemie zu stoppen, wurden immer wieder von der weitverbreiteten Meinung gebremst, dass Opioide sicher seien und dass die Menschen, die sie missbrauchen, das eigentliche Problem sind», sagt Caleb Alexander, Co-Direktor des Center for Drug Safety and Effectiveness an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. Alexander trat als bezahlter Sachverständiger in den Rechtsstreitigkeiten auf und vertrat dort die Position, dass Purdue’s OxyContin-Marketing sowohl Ärzte wie auch die Öffentlichkeit in die Irre führte: «Die von Purdue platzierten Meinungen waren sehr wichtig. Sie wurden zur Linse, durch welche die Öffentlichkeit die Epidemie sah und verstand. Sie haben sich als wirksames Mittel erwiesen und behinderten erfolgreich ein Einschreiten der Behörden gegen das Überangebot an Opioiden.»
Als Teil eines Vergleichs im Jahr 2007 gab Purdue zu, «in der Absicht zu handeln, betrügen oder irrezuführen», als es OxyContin als weniger süchtig machend und weniger anfällig für Missbrauch als andere Schmerzmittel bewarb.
Doch in einem Artikel für das Wall Street Journal mit der Überschrift «Oxy Morons» verteidigte Satel das Unternehmen. «Der tatsächliche Schaden für die öffentliche Gesundheit hier kommt von der Kampagne, die von eifrigen Staatsanwälten und Fürsprechern des öffentlichen Interesses durchgeführt wird, um die Droge selbst zu verteufeln», schrieb sie.

Satel erklärte gegenüber ProPublica, dass ihre Schlussfolgerungen nicht von Purdue beeinflusst waren und dass sie keine Zahlungen der Industrie akzeptierte. Purdue seinerseits bestätigt, dass das Unternehmen über die Jahre Beiträge an verschiedene Washingtoner Think Tanks bezahlt hatte. Das American Enterprise Institute AEI will nicht öffentlich über seine Finanzierung und über Spenden Auskunft geben. Es nehme keine Forschungsaufträge an.
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Dieser Beitrag fasst die Recherchen von David Armstrong zusammen. Er ist «senior reporter at ProPublica specializing in health care investigations».
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Infosperber informierte schon früher über die Schmerzmittel-Skandal in den USA:
21. Februar 2018:
US-Wirtschaft profitiert von Opioid-Massensterben
18.4.2017:
In den USA sterben mehr Leute an Arzneimittel-Überdosen als bei Autounfällen
20.8.2016:
«Opioid-Epidemie»: süchtige Neugeborene in den USA
Infosperber-DOSSIER:
Schmerzmittel: Nutzen und Missbrauch

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Zum Infosperber-Dossier:

Schmerzmittel: Nutzen und Missbrauch

Kurzfristig sind sie sehr hilfreich. Langfristig machen viele Schmerzmittel abhängig, krank und tot.

Eine Meinung zu

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    am 9.Dez.2019 um 9:33 pm
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    Pharmafirmen wollen Gewinne erzielen. Ja und das ist gut so, denn eine Firma lebt vom Gewinn! Es mag Missbrauch geben, aber schauen wir einmal die Seite eines chronischen Schmerzpatienten an – aus der Arbeiterklasse. Haben Sie je in einem Spital gearbeitet? Haben sie das Leiden von Menschen hautnah erlebt? Ich schon und ja, die Arbeiterklasse leidet mehr, sie arbeiten auch mehr körperlich und länger als ein Akademiker, darüber schon einmal nachgedacht? Infosperber kennen Sie Schmerzpatienten? Ich ja – meine Mutter und mich selbst und viele andere. Und wahrlich meine Mutter leidet wie ein langsam zu Tode Gefolterte, die nicht sterben darf! Weil bei uns so restriktive Drogengesetze herrschen. Ja, Schmerztabletten verkürzen das Leben, machen es aber qualitativ besser, solange man noch leben muss. Man muss immer beide Seiten der Medaille anschauen, bevor man sich ein Bild machen kann, das heisst zwei und dreidimensionales Denken. Einseitigkeit indem man Pharmakonzerne und Ärzte einfach verteufelt, ist wahrlich nicht hilfreich. Meine Mutter hat in ihrer Patientenverfügung einen Passus: Sie will lieber ein kürzeres dafür schmerzfreies Leben.Wissen Sie eigentlich wie hilflos Ärzte sind, wenn ein verkümmertes Mensch leben vor ihnen hockt und jammert? Das ist der Preis den wir bezahlen müssen: ein kürzeres Leben für ein effektives Schmerzmittel. Und wahrlich ich sage Ihnen – jeder Schmerzpatient wählt das gute Schmerzmittel auf Lebenskosten! Fragen Sie die Schmerzpatienten selbst!

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