EU-Report: schöner kopieren mit Monsanto

Teile einer Risikoeinschätzung über die Gefährlichkeit von Glyphosat wurden wortwörtlich aus einem Monsanto-Papier abgeschrieben.

Die Glyphosat-Frage spaltet die Wissenschaft. Während die einen das Herbizid für harmlos halten, sehen es die anderen als gesundheitsschädlich an. Derzeit hat diese Frage besondere Brisanz, denn im November wird die Entscheidung der EU über die Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels für die nächsten zehn Jahre erwartet. Es wird allgemein angenommen, dass sich die Schweiz an dieser Entscheidung orientieren wird.

Ein für die Zulassungsverlängerung wesentliches Papier ist die Risikobewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) von 2015. Der «Renewal Assessment Report» bewertet verschiedene Studien zu Gefahren und Auswirkungen von Glyphosat und fasst die Ergebnisse zusammen.

Quasi in letzter Minute werden nun Zweifel an seiner Zuverlässigkeit laut. Verschiedene Medien berichten, dass weite Teile des mehrere Tausend Seiten langen Reports aus dem Zulassungsantrag des Glyphosat-Herstellers Monsanto abgeschrieben sind. Das ist nicht das erste Mal, dass der EFSA unsauberes Arbeiten vorgeworfen wird (Infosperber berichtete «Glyphosat: EU-Bewertung hat gravierende Mängel»).

Passagen von Monsanto wörtlich kopiert

Entscheidend für die Risikobewertung ist im Einzelnen, ob Glyphosat Krebs auslösen, die Fruchtbarkeit beeinflussen und DNA schädigen kann. Genau die Passagen, die diese heiklen Punkte betreffen, sind teilweise wortwörtlich aus dem Zulassungsantrag kopiert, den Monsanto stellvertretend für die «Glyphosate Task Force», eine Lobbygruppe der Hersteller, eingereicht hat.

Wohin die Bewertung geht, wird schnell deutlich. So heisst es etwa auf Seite 532 des Reports:

«In der Zusammenfassung…stellten Weichenthal et al. (2010, A SB2012-12048) fest, dass erhöhte Krebsraten folgender Krebsarten nicht mit Glyphosat in Verbindung zu bringen sind: …»

Es folgt eine lange Liste von untersuchten Krebserkrankungen. Auf Seite 530 wird auf eine schwedische Studie eingegangen, die den Zusammenhang zwischen Pestiziden und Non-Hodgkin-Lymphomen untersucht hat. Über die Relevanz der Studie heisst es im Report:

«Die Autoren berichten über eine mittlere Zunahme der Wahrscheinlichkeit [an NHL zu erkranken] von 2,3 für Glyphosat. Diese Wahrscheinlichkeit war statistisch nicht signifikant und basierte auf nur vier betroffenen Fällen und drei Kontrollfällen, die Glyphosat ausgesetzt waren.»


Ausschnitt aus der Risikobewertung von EFSA/BfR, Seite 530, Markierung durch «Umweltinstitut München e.V.» (bessere Auflösung)

Anschliessend wird die Kritik an der Studie formuliert, die ebenfalls wortwörtlich aus dem Zulassungsantrag Anhang II, Teil M, Seite 854 übernommen ist.


Ausschnitt aus dem Zulassungsantrag Anhang II, Teil M, Seite 854, Markierung durch Infosperber. (bessere Auflösung)

«Das ist vollkommen unakzeptabel – ob es absichtlich oder aus Unachtsamkeit passiert ist», sagte Franziska Achterberg, EU-Verantwortliche für den Bereich Nahrungsmittel bei Greenpeace, gegenüber dem «Guardian».

EFSA und BfR bestehen darauf, korrekt gearbeitet zu haben

Die EFSA verwahrt sich gegen jeden Plagiats-Vorwurf und verweist auf ihre «robuste, ausgewogene Unabhängigkeitspolitik», schreibt der britische «Guardian». Erstellt wurde der Glyphosat-Report nicht von der EFSA selbst, sondern vom deutschen Bundesamt für Risikobewertung (BfR) als ausführender Behörde.

Das deutsche «Umweltinstitut», ein Verein, der wissenschaftliche Informationen zu gesellschaftsrelevanten Themen wie Gentechnik und Radioaktivität hinterfragt, hat eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Harald Ebner (B90/Grüne) zu den auffällig identischen Textstellen veröffentlicht. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft antwortete darauf folgendermassen:

«Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat die für die im Renewal Assessment Report (RAR) enthaltenen Kapitel … alle von den Antragstellern vorgelegten Originalstudien sowie die in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierten Studien in eigener Verantwortung detailliert geprüft und qualitätsgesichert bewertet. Für alle Kapitel wurde von BfR eine eigenständige Bewertung vorgenommen.»

Passagen aus dem Bericht der «Glyphosate Task Force» seien lediglich als Zitat verwendet und mit einem Kommentar des BfR versehen worden.

«Behörden, die im Auftrag von über 500 Millionen Menschen die Auswirkungen von Chemikalien auf die Gesundheit von Mensch und Umwelt bewerten sollen, dürfen so nicht arbeiten», schliesst das «Umweltinstitut» und fordert Konsequenzen. Der Kopf von Andreas Hensel, Präsident des BfR, müsse rollen. Ein solcher Bericht in einer derartigen Sache sei schon in Hinsicht auf das Vertrauen der EU-Bürger in eine Institution wie die EFSA nicht hinnehmbar.
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Mehr lesen:

  • «Neue Zweifel am Urteil: Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat in seinem Bericht zum Unkrautvernichter Einschätzungen der Industrie übernommen, ohne diese deutlich zu kennzeichnen. Damit macht sich die Behörde angreifbar.» Süddeutsche Zeitung vom 17. September 2017

Auf Infosperber erschienen sind unter anderen

Alles zum Thema Glyphosat lesen Sie im
Infosperber Dossier Glyphosat

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts von «Umweltinstitut.org» und anderer Quellen erstellt. Grosse Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.

Zum Infosperber-Dossier:

Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

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