Schlachthöfe: England beschliesst Videoüberwachung

Die Schockfilme von Tierschutzaktivsten zeigen Wirkung. Nicht nur England will Schlachthöfe künftig per Video überwachen.

England will künftig aktiver gegen Tierquälerei vorgehen und Kameras in Schlachthöfen vorschreiben. Das gab das englische Landwirtschaftsministerium am 11. August bekannt. Kameras sollen in jedem Bereich installiert werden, in dem sich Tiere befinden. Tierärzte, die in Schlachthöfen arbeiten, sollen vollen Zugriff auf die Kameradaten bekommen. In der Schweiz machen die Migros-Firma Micarna und die Coop-Firma Bell freiwillig zaghafte Versuche.

Schockbilder aus Schlachthöfen zeigen Wirkung

Die heimlich und meist illegal gemachten Filme aus Schlachthöfen, die etliche Tierrechtsorganisationen seit Jahren veröffentlichen, zeigen damit Wirkung. Häufigkeit und Umfang von Tierquälerei, Nachlässigkeit und Ignoranz schockte wohl schliesslich auch die Abgeordneten des englischen Parlaments.

1600 Fälle von Tierquälerei deckte etwa das «Bureau of Investigative Journalism» in England und Wales für die Zeit von Juli 2016 bis Februar 2017 auf. Ein Beweis, dass Tiere systematisch getreten, geschlagen oder anderweitig misshandelt wurden, die Schlachtung oft ohne Betäubung stattfindet oder die Transportbedingungen derart grausam waren, dass viele Tiere schon starben, bevor sie den Schlachthof erreichten.

Gerade jetzt, da man die EU verlasse, sagte Umweltminister Michael Gove in einem Interview, sei das geplante Gesetz wichtig. Das zeige den Konsumentinnen und Konsumenten, dass England Lebensmittel auf höchstem Niveau produziere. Bis Ende September wird noch über Details des CCTV (Closed Circuit TV) beraten.

Auch andere Länder wollen Schlachthöfe überwachen

Grossbritannien ist mit diesem Vorstoss nicht allein. In Frankreich sollen ab kommendem Jahr ebenfalls Kameras installiert werden. Auch dort haben Schockbilder zur Verbesserung des Tierschutzes geführt. Die Niederlande überlegen sich dasselbe, nachdem die Tierschutzorganisation «Animal Rights» Bilder aus einem belgischen Schlachthof veröffentlicht hat, die schwere Misshandlungen von Schweinen zeigen.

Tierschützer fordern volle Transparenz

Die Tierschutzvereinigung «Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals» (RSPCA) hat jahrelang Kampagnen für eine verpflichtende Kameraüberwachung geführt und fordert, dass die Bilder drei Monate gespeichert und auch Aussenstehenden, etwa anderen Tierärzten, zur Verfügung gestellt werden. Nur so sei eine effiziente Kontrolle möglich.

«Nahrung auf höchstem Niveau»

Die bisher nur freiwillig in Schlachthöfen angebrachten Kameras dienten weniger der Aufdeckung von Tierquälerei als der Verhinderung von Diebstählen, führen Tierschützer an. Das bringe den Tieren wenig. Deshalb müssten sich auch unabhängige Beobachter das aufgenommene Videomaterial ansehen können.

Keine verpflichtenden Überwachungspläne in der Schweiz

Pläne für eine verpflichtende Kameraüberwachung in der Schweiz gibt es nicht. Diskutiert wurde darüber schon mehrfach, dabei sei es jedoch geblieben, sagt das «Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen» (BLV) gegenüber «Infosperber». Kameraüberwachung im Schlachthof wird freiwillig bleiben.

Das BLV begrüsse es natürlich, wenn die Betreiber von Schlachtbetrieben Verantwortung übernähmen und Bilder auch den zuständigen Amtstierärzten zur Verfügung stellten. Grundsätzlich seien Kameras aber keine Sicherheit dafür, dass die Schlachtbetriebe ihre Arbeit richtig machten.

Erste Betriebe stellen Transparenz her

Transparenzforderungen bleiben aber wohl nicht ungehört: Die Migros-Firma Micarna hat kürzlich bekannt gegeben, sie habe in einem Betrieb Kameras installiert und deren Bilder Tierschützern sowie Kontrolleuren zugänglich gemacht. Die Coop-Firma Bell will nachziehen.

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund von Berichten mehrerer englisch- und deutschsprachiger Quellen erstellt. Grosse Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.

Zum Infosperber-Dossier:

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