So verkauft die Post ihre Leistungen

Schliessung von Poststellen auf der einen Seite, viel Show für Direct Marketing auf der anderen: Die zwei Gesichter der Post.

Während sich das Schweizer Parlament in Bern mit der Frage beschäftigt, ob es richtig ist, dass die Post aus ökonomischen Gründen ein paar hundert Poststellen schliessen will, und mehrheitlich der Meinung ist, dass ein dichtes Poststellen-Netz dieses staatseigenen Service-public-Betriebes wichtig ist, beschäftigt sich die Post selber mit etwas ganz anderem: mit ihrer Zukunft als Direct Marketing Unternehmen. Marketing ist die Kunst, Leute dazu zu bringen, etwas zu kaufen, das sie gar nicht brauchen. Am besten mit Hilfe der Post?

Infosperber hat am 13. Juli 2017 ausführlich darüber berichtet, was auf dem Programm des Post-Marketing-Events DirectDay 2017 steht – unter der vielsagenden Schlagzeile «Fakt oder Fake? Wahr ist, was wir glauben». Hier anklicken.

Und genau wie erwartet, so ist es am 27. November im Berner Kursaal auch gekommen. Viel Prominenz (wenigstens auf der Bühne), viel Show, viele alte Witze («Prognosen sind immer schwierig zu erstellen, besonders wenn sie die Zukunft betreffen»), und dazwischen einige Volltreffer. Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin und Vorkämpferin der Demontage von Radio und Fernsehen SRF, durfte auf der Bühne im Stil des unschuldigen Mädchens ihre eigene Ansicht über den Umgang mit der Wahrheit zum Besten geben: «Lassen wir den Leuten ihre eigene Wahrheit!» (Darum hat der SVP-Partei-Guru und Milliardär Christoph Blocher ja die Basler Zeitung und mehr als ein Dutzend Anzeiger gekauft, damit die Leute ihre eigene Wahrheit behalten.)

  • Die Post hat über die Veranstaltung ein Video ins Internet gestellt, 15 Minuten, die anzusehen es sich echt lohnt: hier anklicken!

Man ist anschliessend doppelt motiviert, in diesen harten Zeiten halt etwas weiter zu gehen oder zu fahren, um eine Poststelle zu finden, die bereit ist, unsere Weihnachts- und Neujahrskarten entgegenzunehmen.

Zum Infosperber-Dossier:

Was alles zum Service public gehört

Wo hören Privatisierungen auf? Was muss unter Kontrolle des Staates bleiben? Wo genügt strenge Regulierung?

3 Meinungen

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    am 6.Dez.2017 um 8:22 pm
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    das video der staatlichen post anzuschauen, lohnt sich wirklich (als feldforschung). dass der unlustige moderator die sternstunde verlassen hat (oder umgekehrt), ist ein gewinn für SRG/SRF und sollte ihr im märz die verdiente unterstützung bringen. diese feier war, glaubt man dem video, nicht nur sündhaft teuer (mehrere hunderttausend chf), sondern auch ein postmodernes babylonisches beliebigkeitsspektakel mit unübersehbar rückständigem macho-touch, das niemandem etwas brachte. aber es wurde geklatscht.

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    am 6.Dez.2017 um 5:17 pm
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    Inzwischen habe ich verschiedentlich festgestellt, dass es zwei Möglichkeiten gibt: 1. die Unternehmung liegt daneben, 2. die Unternehmenskommunikation liegt daneben (und die Unternehmung ist nicht urteilsfähig und meint, den Profi-Kommunikatoren ebenso glauben zu müssen wie den Spitzen-IT-Ingenieuren.) Bei der Post tippe ich auf Variante 2 (leider). Der Post kann ich den Abbau von Leistungen, wenn der Umsatz wegbricht, ebenso wenig übelnehmen wie den kleinen Spezialgeschäften die reihenweise Schliessung (z.B. in Zürich), weil die KundInnen online oder ins Ausland gehen. Oder soll die Post eine heilige Kuh sein, hochsubventioniert etwa wie die Landwirtschaft?

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    am 6.Dez.2017 um 1:48 pm
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    Danke für Ihren Bericht. Endlich weiss ich wie der mittels Leitungsabbau erzielte, im August 17 ausgewiesene, Posthalbjahresgewinn von CHF 547 Mio reinvestiert wird.
    Es sind ja nicht nur die Poststellenschliessungen die zur Kritik anlass geben. Schauen wir uns nur einmal den markanten Leistungsabbau bei der Postzustellung an. Dies mit der Begründung, es gäbe immer weniger Post zum Verteilen. Fakt ist aber, und dies können die meisten selber überprüfen, die Briefkästen sind so voll wie nie zuvor.
    Oft erfolgt die Zustellung später wie in früheren Zeiten die Nachmittagszustellung! Erhielten wir z.B. bis vor ein paar Jahren die Post zuerst bis 9 Uhr von einem Postboten zugestellt, verschoben sich die Zeiten immer mehr gegen Mittag hin. Dieses Jahr ist es sogar meist Nachmittags. Bald wird es wohl Abend werden? Dafür sind es anstatt früher Briefträger heute meist nur noch häufig wechselnde Aushilfsverträger.
    Wenn das Management nicht bald begreift, dass sie ihre Leistungen auf die Bedürfnisse des Kunden abstimmen müssen, wird es wohl nur eine Sache der Zeit sein, bis die nächste «service-public"- Abstimmung vom Volk angenommen wird.

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