Berechnungen der Financial Times zeigen: Schon 2020 geht Asiens Wirtschaft in Führung. Ein Grund zur Sorge?

Das asiatische Jahrhundert beginnt

Berechnungen der Financial Times zeigen: Schon 2020 geht Asiens Wirtschaft in Führung. Ein Grund zur Sorge?

Wann wird Asien das neue Zentrum der Weltwirtschaft – und wird der Rest des Planeten darunter leiden? Werden Inder und Chinesen die Preise diktieren, die Märkte dominieren, den Welthandel kontrollieren? Die „gelbe Gefahr“ befeuert schon seit Jahrhunderten tief sitzende Ängste in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik – und US-Präsident Donald Trump bedient sich gerne derartiger rassistisch verbrämter Vorurteile, wenn er seine Klientel auf dem Heimmarkt bei Laune halten will.

Rasantes Wachstum

Jetzt zeigen aktuelle Datenanalysen der britischen Zeitung „Financial Times“ (FT): Das asiatische Jahrhundert steht unmittelbar bevor. Die asiatische Wirtschaft wird – laut offizieller Unctad-Definition – die restliche Weltwirtschaft bereits 2020 überflügeln, wenn man das jeweilige Bruttoinlandprodukt (BIP) weltweit zu Kaufkraftparität berücksichtigt. Noch im Jahr 2000 hatten die asiatischen Volkswirtschaften lediglich einen Drittel dieses Wertes erzielt, was ihr rasantes Wachstum illustriert.

Drei Fakten, welche die FT zusammengetragen hat, zeigen, dass der Aufstieg Asiens auch vom Bevölkerungswachstum getrieben wird:

  1. In Asien lebt bereits heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung
  2. Von den 30 grössten Städten der Welt befinden sich 21 in Asien
  3. Ab 2020 werden Asiatinnen und Asiaten mehr Autos kaufen als alle restlichen Erdenbürger zusammen

Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung ist also nicht nur auf China zurückzuführen, dessen Bevölkerungswachstum gebremst verläuft. Indien und viele kleinere Volkswirtschaften haben die Nase vorne. So wird Indonesien nächstes Jahr unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität zur siebtgrössten Volkswirtschaft – und schon drei Jahre später Russland überholen. Die Schweiz wird demnach bis 2023 auf den 40. Platz abrutschen, prognostiziert die FT, zehn Plätze tiefer als im Jahr 2000. Asiatische Länder wie Vietnam, die Philippinen und Bangladesh (aber auch Nigeria und Kasachstan) haben die Schweiz nach denselben Kriterien bereits überholt.

Weniger Armut

Anstatt diese unaufhaltsame Entwicklung populistisch anzuprangern, wie dies Donald Trump gerne tut, gilt es zunächst zu würdigen, dass dank ihr in Asien Millionen von Menschen von der Armut befreit worden sind. Zweitens ist die wirtschaftliche Dominanz Asiens kein Novum, der Westen hat Erfahrung damit: Asien hatte einst bis ins 19. Jahrhundert die Weltwirtschaft dominiert. Im 18. Jahrhundert war Indiens Anteil an der Weltwirtschaft gleich gross wie jener Europas. Im 17. Jahrhundert lebten in Asien drei Viertel der Menschheit und produzierten zwei Drittel des globalen Bruttoinlandprodukts. Erst die wissenschaftliche und industrielle Revolution sowie die Aufklärung haben den Europäern Auftrieb verliehen – offenbar nur vorübergehend für einige Jahrhunderte.

Drittens gilt es zu betonen, dass China im Gegensatz zu den westlichen Demokratien in früheren Jahrhunderten grundsätzlich keine hegemonialen Ansprüche pflegt. Das Milliarden-Volk ist traumatisiert durch mehrere Hungersnöte, die Politelite will dies künftig um jeden Preis verhindern. Das Konzept einer neuen Seidenstrasse („one belt, one road“) soll vor allem dazu dienen, die Versorgungswege ins eigene Land sicher zu stellen – in einer Zeit, in welcher die Ansprüche an die Ernährung auch in China stark gestiegen sind.

Mehr Innovation

Für die Europäerinnen und Europäer bedeutet das Erstarken der grossen asiatischen Volkswirtschaften vor allem, dass sie sich auf weniger Stabilität einstellen müssen: Europa reagiert anfälliger auf ökonomische Entwicklungen in der übrigen Welt. Und für die Schweiz gilt in Zukunft verschärft, was hier angesichts fehlender Rohstoffe schon lange gilt: Sie muss ihre führende Stellung bei der Innovationsfähigkeit behalten, die gemäss dem letzten Innovationsmonitoring der ETH Zürich vom Herbst 2018 früher ausgeprägter war. Denn auch wenn sich einige der asiatischen Länder besonders gut aufs Abkupfern verstehen, brauchen sie gerade bei den besonders anspruchsvollen Präzisionstechnologien rund zehn Jahre, um diese in akzeptabler Qualität zu kopieren.

Eine Meinung zu

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    am 9.Apr.2019 um 2:37 pm
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    Einesteils wird auch uns gewaltig Angst vor den (kommunistischen) Chinesen gemacht, andererseits sind unsere Politiker und Konzernherren mächtig stolz und mehr als zufrieden auf das Freihandels-Abkommen mit der VR China. Was soll das ?
    Bei Massenproduktion hat China wegen des riesigen Binnenmarktes und der genannten aufstrebenden asiatischen Märkt grosse Kostenvorteile durch Skaleneffekte. Der derzeitige Rückgang bei der Steigerung des BIP, ist einem grossen
    -breiten- Strukturwandel geschuldet, quasi von Drittweltland zu einer hochent-wickelten Gesellschaft, in der nicht jeder -frei- bloss seine Interessen verfolgen kann.
    Kapitalismus ist in China auf Betriebswirtschaft beschränkt, aber nicht gleichzeitig Gesellschaftform.
    Deutsche Auto-Konzerne machen heute 50-60% ihrer Gewinne in China.
    Immer mehr dt.Konzerne machen Überkreuz-Beteiligungen mit chin. Konzernen und haben viele Joint-Venture Projekte.
    Weshalb auch immer sich die chin. Auto-Konzerne und der Staat sich dort strategisch gegen den Diesel-Motor entschieden haben, die dt. Konzerne passen sich an.

    Bei Schweizer Unternehmen und auch bei der Innovation sind passendeNischen gefragt. Wenn die chinesische Innovationskraft pro Kopf auch nur 1/10 der in Schweiz beträgt, ist diese insgesamt doch 17 mal höher in der Breite und Tiefe.
    Wenn chin. Konzerne z.B. auf die Idee kommen den Massenmarkt für Uhren und Knopfzellen zu bedienen, entfällt die Cash-Kuh der SMH-Konzerns.

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